Leseprobe – Atalan

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Kopfschüttelnd ließ sich Martin in die Benutzung des Fahrzeugs einweisen. Nach ein paar Minuten meinte Daniel: „Und, alles kapiert? Benzin ist drin, die Schwimmerkammern dürften voll sein. Ist zwar nicht viel Stoff, aber wird langen müssen. Vermutlich dreht die Gurke nicht rund und viel Luft haben die Reifen auch nicht mehr. Werden sehen, wie weit wir damit kommen.“

Martin glaubte zwar nicht, alles begriffen zu haben. Nachdem Daniel den Tank wieder zugedreht hatte, packte er trotzdem die Maschine, fasste einen einigermaßen freien Weg durch die Hindernisse auf der Straße ins Auge und begann zu rennen und dabei kräftig zu schieben. Nach ein paar Metern beförderte er mit einem gewaltigen Satz sein Körpergewicht auf den Sattel und kuppelte ein. Das Vehikel bockte, Martin krallte sich am Lenker fest und wäre beinahe hinuntergefallen. Dann spotzte und spuckte der Motor ein paarmal und begann, knatternd und buckelnd das Zweirad anzutreiben. Schnell kuppelte Martin aus, und tatsächlich – stotternd und knallend lief die Maschine im Leerlauf weiter.

Schnell war Daniel zur Stelle und gab erstmal kräftig Gas. Das Bollern und Fauchen verwandelte sich in ein dreckig sabberndes Röhren. Martin hielt sich die Ohren zu. Als er sich wieder verständlich machen konnte, meinte Daniel: „Prima gemacht, Bruder! Muss reichen. Pack das Geraffel hinten in die Boxen, und dann ab dafür!“

Der Urgalane stieg ab und ließ seinen neuen Kameraden das Fahrzeug im Gleichgewicht halten. Er holte Wasserbehälter und Proviant und verstaute alles in den Seitenboxen. Nur der Wasserkanister passte nicht hinein. „Schnallste mit deinem Gürtel auf die Gepäckstangen“, war Daniels Kommentar dazu. „Los jetzt, wir haben nicht viel Soße im Hobel!“

Kaum hatte Martin hinten aufgesessen, fuhr Daniel los. Und wie er losfuhr! Mit atemberaubender Geschwindigkeit donnerte das Gefährt zwischen Schlaglöchern und Bewuchs hindurch. Ein-, zweimal hatte die hintere Felge wegen der Überladung bereits aufgesetzt, als Fahrer und Beifahrer schließlich im Slalom ein Straßenstück erreichten, auf welchem die Fahrbahn einigermaßen erhalten war. Martin schwitzte hinten Blut und Wasser. Mit schreckensstarrer Miene klammerte er sich mit einer Hand an Daniels Seite, mit der anderen an einer Gepäckstange fest und drückte sich, so nah es ging, an seinen Fahrer heran. Dieser nutzte das freie Teilstück, um die Maschine aufheulen zu lassen und in halsbrecherischem Tempo mit einer ordentlichen Rauchfahne aus den verbogenen Auspuffrohren über die Straße davonzurasen.

[…]

Als sie mit dem Schnetzeln fertig war, hatte Gita bereits ein weißes Tuch mit warmem Wasser für den Verband besorgt. Vorsichtig umwickelte Sus den geschwollenen Unterschenkel mit Weinblattschnetzeln und dem Tuch, bis er ganz darin eingehüllt war. Dann hockte sie sich neben das Bein und berührte es mit den Händen. Sie ging zu ihrem Licht im Inneren und verankerte es durch ihr Becken hindurch im Boden. Nachdem sie die Verbindung zum Leuchten der Erde hergestellt hatte, dankte sie der Großen Mutter für die Erfüllung ihrer Bitte und entsandte das Strahlen durch ihre Hände auf die Blattschnetzel und in das Bein ihrer Patientin hinein. Vorsichtig ließ sie es auf die überschüssige Flüssigkeit im Unterschenkel leuchten und die Durchgänge der Blutwege stärken.

Es dauerte ungefähr eine Mittelzeit, bis Hila ächzte. Sus bewegte daraufhin drei Mal ihre Hände am Unterschenkel entlang aufwärts, verharrte kurz in ihrer hockenden Stellung, um sich sanft von der Erde zu lösen, stand dann vorsichtig auf und sagte leise: „Dies wird einige Tage lang halten. Damit sich der Körper jedoch wieder daran gewöhnen kann, diese Schwingung von allein anzunehmen, müsste es noch mindestens zwei Mal wiederholt werden.“

Als Gita den nun locker sitzenden Verband abnahm, traute sie ihren Augen kaum. Die jungen Weinblattschnetzel wirkten braun und verwelkt, regelrecht ausgelaugt. Hilas Unterschenkel jedoch war auf seine normale Ausdehnung geschrumpft, auch ihr Fuß fühlte sich warm und angenehm durchblutet an.

Die beiden Nachbarinnen sahen sich eine Weile lang mit einer Mischung aus Schreck, Verblüffung und Ungläubigkeit an, bis Gita sich aufrichtete und rief: „Große Mutter!“ Dann wandte sie sich an Sus und sagte ehrfürchtig: „Wahrlich, Sie sind eine Wunderheilerin!“

„Unsinn“, erwiderte Sus leise und schlug ihre dunklen Augen nieder. „Nichts von dem, was ich getan habe, könnten Sie nicht auch tun.“

Hilflos sah die Teefrau von einer zur anderen. Als ihr Blick sich mit Amas traf, sagte diese: „Meine Freundin hat recht. Haben Sie es denn niemals versucht?“

„Wie sollte ich?“ Gita griff fassungslos mit ihren Händen in die Luft. „So etwas ist mir noch niemals begegnet!“

„Wirklich nicht?“, hakte Ama nach. „Ihre Schwester erwähnte, dass Ihre Mutter auch sehr gut mit Kräutern umgehen konnte.“

„Jetzt, wo Sie es sagen … aber da war ich noch ein Kind. Ich vermag mich kaum daran zu erinnern“, stammelte Gita.

Nun war es an Hila, aufzustehen und mit ihrem nunmehr gesunden Bein fest aufzutreten. Ein Strahlen legte sich auf ihr Gesicht. „Liebe Gäste, das fühlt sich wie zwanzig Zyklen jünger an! Was immer Sie getan haben, es ist fantastisch!“

„Und Sie meinen, weil meine Mutter Ähnliches vollbracht habe, stehe dies auch in meiner Macht?“, fragte Gita entgeistert. „Wie soll das zugehen?“

„Kommen Sie“, meinte Ama und ging auf die Knie. „Würden Sie mir bitte Ihre Hand geben? Sus, hättest du vielleicht noch ein paar Schnetzel? Frau Rumberg hat schließlich noch ein anderes Bein, welches verbunden werden könnte.“